Marc, du hast beruflich sehr viel mit Menschen zu tun, die gerade in schwierigen oder unangenehmen Situationen stecken. Was hast du über Menschen gelernt, das dir kein Studium hätte beibringen können?
Das Zwischenmenschliche ist das Entscheidende.
Wir sind in einem Empathieberuf. Es geht vermeintlich primär um juristische Probleme, aber letztendlich geht es um Menschen.
Der Mensch kommt in einer Krisensituation mit seinem Problem und erwartet einen souveränen Begleiter, der ihn an die Hand nimmt und gemeinsam mit ihm durch diese schwierige Situation geht.
Für mich ist das Faszinierende, dass ich mit Menschen zu tun habe und ihnen in solchen Situationen helfen kann.
Jeder reagiert anders. Menschen sind oft verzweifelt. Und genau das ist für mich neben der juristisch anspruchsvollen Arbeit das Reizvolle: einen Menschen in dieser Situation zu beruhigen, ihm eine Stütze zu sein, gemeinsam Lösungswege zu erarbeiten und diese dann auch umzusetzen.
Wenn du als Anwalt juristisch sauber und engagiert arbeitest, kannst du sehr viel für andere Menschen bewegen. Das macht für mich den Reiz aus.
Es „menschelt“ juristisch. Da ist die Sachebene, die Verstandesebene – und gleichzeitig die Emotionsebene. Beides miteinander zu verbinden, das ist spannend.
Als Anwalt hörst du wahrscheinlich jeden Tag Geschichten, bei denen du denkst: „Das kann doch nicht wirklich passiert sein.“ Was war das Irrwitzigste, was dir jemals vorgetragen wurde – und wie hast du in diesem Moment reagiert?
Im Grunde haben wir fast jede Woche Situationen und Fälle, bei denen wir sagen: Das kann doch nicht wahr sein. Das gibt es doch gar nicht.
In diesem Beruf gibt es nichts, was es nicht gibt.
Wir schauen teilweise sehr tief in die Abgründe des Menschen und in die Abgründe der Seele.
Was ich gelernt habe: Du schaust einem Menschen ins Gesicht. Du kannst manchmal erahnen, was in ihm vorgeht – aber du kannst nie vollständig dahinterblicken.
Gerade im Strafrecht erleben wir Menschen mit psychischen Erkrankungen. Du unterhältst dich ganz normal mit ihnen und plötzlich merkst du: Was passiert jetzt? Da erzählt jemand von Außerirdischen oder von Dingen, die für dich zunächst völlig unbegreiflich sind.
Natürlich gibt es auch ganz furchtbare Schicksale. Dinge, bei denen du denkst: Das ist wie in einem schlechten Hollywood-Film.
Damit haben wir zu tun.
Langweilig wird es definitiv nicht.
Du beschäftigst dich mit Strafrecht. Verändert dieser Beruf deinen Blick auf die Menschen in deinem eigenen Umfeld? Bist du misstrauischer geworden – oder verstehst du Menschen sogar besser?
Natürlich bist du als Jurist und insbesondere als Strafrechtler ein bisschen darauf konditioniert, Stolperfallen zu sehen.
Du bist vielleicht nicht mehr ganz so gutgläubig.
Ich mache diesen Beruf jetzt seit 1999, also inzwischen im 27. Jahr. In dieser Zeit entwickelst du natürlich Menschenkenntnis.
Du bekommst ein Gespür dafür: Erzählt mir jemand gerade eine Geschichte oder ist da vielleicht noch etwas anderes?
Oft sagt mein Bauch: Da stimmt etwas nicht.
Du erlebst Menschen in psychischen Ausnahmesituationen. Dadurch lernst du Menschen intensiver und schneller kennen.
Und natürlich denkst du als Jurist auch öfter in Worst-Case-Szenarien.
Aber ich habe meinen Glauben an gute Menschen nicht verloren.
Ich glaube, dass der Mensch grundsätzlich gut ist.
Natürlich kann jemand fehlgeleitet werden. Aber ich glaube, dass sich jeder Mensch im Grunde nach Liebe und Anerkennung sehnt.
Du stehst beruflich oft auf der Seite von Menschen, die einen Fehler gemacht haben oder in einer schwierigen Situation sind. Wie wichtig ist für dich die Frage: Warum hat er das getan?
Es macht es für einen Anwalt natürlich leichter, wenn er nachvollziehen kann, was die Motivation eines Menschen für eine Tat war.
Ob man diese Tat gutheißt oder nicht, ist eine andere Frage. Ich muss eine Tat nicht gutheißen.
Aber wenn ich die Beweggründe kenne, kann ich zumindest ansatzweise nachvollziehen, warum dieser Mensch in dieser Situation so gehandelt hat.
Das sind Menschen aus Fleisch und Blut. Menschen mit Emotionen. Und Menschen handeln in emotionalen Situationen manchmal anders, als sie es tun würden, wenn alles sachlich und rational abläuft.
Das macht es leichter nachzuvollziehen, warum jemand etwas getan hat.
Braucht man ein Verständnis für die Person, um sie überhaupt richtig vertreten zu können?
Manche Sachen kann ich nicht verstehen und werde sie vielleicht auch nie verstehen.
Aber ich vertrete den Mandanten trotzdem engagiert, professionell und mit Nachdruck.
Das ist wie beim Fußball. Es gibt Spielregeln. Und diese Spielregeln gibt in unserem Fall der Rechtsstaat vor.
Die Polizei hat beispielsweise sehr weitreichende Befugnisse. Aber auch dafür gibt es Spielregeln.
Wenn es einen Verstoß gibt, muss ich als Anwalt genau hinschauen: Passt alles? Was ist juristisch schiefgelaufen?
Und dann muss ich das entsprechend umsetzen.
Du bist seit 1999 als Rechtsanwalt tätig. Wenn du heute einem jungen Anwalt 27 Jahre Berufserfahrung schenken könntest: Welche Erkenntnis würdest du ihm sofort mitgeben?
Wenn du keine Begeisterung für Jura und für Menschen hast, ist der Beruf als Rechtsanwalt vielleicht nicht der richtige.
In dem Bereich, in dem ich arbeite – Strafrecht, Verkehrsrecht und Versicherungsrecht – steht der Mensch im Mittelpunkt.
Lerne, mit Menschen zu kommunizieren.
Sei souverän und ehrlich.
Prozesse gewinnen wir nicht mit Mauschelei oder irgendwelchen unseriösen Tricks, sondern mit solider juristischer Arbeit.
Das Gespräch mit Menschen ist ganz wichtig. Du musst dorthin kommen, wo es wirklich drückt.
Und wenn ich meinem eigenen Sohn einen Rat geben müsste, wäre es eigentlich ganz einfach:
Mach das, was dir Spaß macht. Mach es mit Begeisterung. Dann bist du auch erfolgreich.
Wenn wir den Anwalt Dr. Marc Herzog für einen Moment zu Hause lassen und nur den Menschen betrachten: Was wissen die meisten Menschen, die dich beruflich kennen, eigentlich noch nicht über dich?
Ich bin ein Genussmensch.
Ich reise gerne. Ich esse und trinke gerne gut. Ich mache gerne Sport und bewege mich gerne.
Ich mag die Natur und ich liebe unser Land – Bayern ist für mich einer der schönsten Flecken der Erde.
Aber Italien liebe ich natürlich auch. Wir fahren sehr gerne nach Italien. Und wir haben seit relativ kurzer Zeit einen Hund. Der macht mir auch sehr viel Freude.
Viele denken wahrscheinlich, ein Anwalt sei eher stocksteif. Ich glaube, ich bin tatsächlich ein ziemlich lockerer und bodenständiger Typ.
Ich weiß, dass das Leben morgen vorbei sein kann.
Wir erleben hier tagtäglich Schicksalsschläge. Menschen werden von heute auf morgen durch Unfälle, Krankheiten oder andere Ereignisse aus ihrem Leben gerissen.
Deshalb versuche ich, meinen Humor nicht zu verlieren. Ich bin ein lustiger Mensch, genieße das Leben und kann auch einmal Blödsinn machen.
Du brauchst eine große Portion Selbstironie und Humor, damit du all das, was du tagtäglich erlebst, irgendwann auch wieder verdauen kannst und nicht mit nach Hause nimmst.
Gibt es eine Entscheidung in deinem Leben, bei der du heute sagst: Gut, dass ich damals genau diesen Weg gegangen bin?
Ich wollte immer Anwalt werden.
Und auch die Entscheidung zur Selbstständigkeit war richtig. Dass wir das jetzt im 27. Jahr einigermaßen erfolgreich machen – da sage ich schon: Gut, dass ich es gemacht habe.
Die Entscheidung kam damals sogar relativ spontan und ungeplant. Ich wollte eigentlich noch etwas länger angestellt sein, aber dann hat es sich so ergeben.
Und das war gut. Privat natürlich auch meine Frau und mein Sohn. Da sage ich: Alles richtig gemacht.
Wir können es alle leichter haben, wir können kämpfen, machen und tun. Aber ich bin dankbar und froh, dass es so ist, wie es ist.
Und ich hoffe, dass es noch lange so bleibt.