Matthias, die Geschichte der Schafwollspinnerei beginnt 1947 mit deinen Großeltern Matthias und Maria Höfer. Wie kam es zur Gründung?
Meine Oma war handwerklich sehr geschickt und beschäftigte sich schon damals gerne mit Wolle. 1946/1947 ging sie zu meinem Opa und bat ihn, eine Maschine zur Wollverarbeitung zu bauen. Sie wollte ihr Hobby ein Stück weit zum Beruf machen.
Mein Opa war im Maschinenbau erfahren und hatte bei Krauss-Maffei gearbeitet. Er besorgte sich Pläne aus dem Deutschen Museum und begann zu tüfteln. Über eineinhalb Jahre war er mit dem Fahrrad von Schrottplatz zu Schrottplatz unterwegs, um die benötigten Teile zu finden. Schließlich baute er eine Wollkardiermaschine, die heute noch in unserem Museum steht.
Meine Oma begann damit, Wolle zu kardieren und daraus Strickgarne herzustellen. Sie verarbeitete auch die Wolle anderer Menschen aus der Umgebung. Ein halbes Jahr später eröffnete sie ihr Geschäft und verkaufte handgesponnene Strickgarne. Daraus entwickelte sich nach und nach unser heutiger Betrieb.
1978 stand die nächste Generation vor einer wichtigen Entscheidung. Wie ging es damals weiter?
Meine Großeltern führten den Betrieb von 1947 bis 1978. Dann stellte sich die Frage, ob jemand aus der Familie weitermachen würde. Mein Vater war einer von vier Geschwistern und derjenige, der sich entschieden hat, den Betrieb konsequent weiterzuführen.
Er hatte Textilveredelung gelernt und kannte die Materie bereits. Mit 19 Jahren übernahm er gemeinsam mit meiner Mutter die Firma. Sie entschieden: Entweder machen wir es richtig oder gar nicht.
Mein Vater baute eine neue Maschinenhalle und investierte in größere Maschinen. Dafür nahm er damals rund eine Million Mark Schulden auf – bei Zinssätzen von über neun Prozent. Das war eine enorme finanzielle Belastung.
Kannst du uns den Weg von der angelieferten Wolle über die Reinigung und das Kardieren bis hin zu Garn, Bettwaren oder Teppichen erklären? Was macht die einzelnen Arbeitsschritte so anspruchsvoll?
Wir arbeiten aktuell mit rund 130 Schäferbetrieben zusammen, die uns jährlich Wolle von ungefähr 35.000 Schafen liefern. Insgesamt sind das etwa 100 Tonnen Rohwolle.
Schon beim Scheren muss darauf geachtet werden, dass stark verschmutzte und sehr kurze Wollfasern getrennt werden. Diese Wolle werfen wir aber nicht einfach weg. Sie kann beispielsweise zu Düngepellets weiterverarbeitet werden. So verwerten wir nahezu alles, was vom Schaf kommt.
Die geeignete Wolle wird gesammelt, nochmals sortiert und zu Ballen gepresst. Da es in Deutschland seit vielen Jahren keine Wollwäscherei mehr gibt, lassen wir sie unter anderem in Belgien waschen. Dabei trennen wir die Wolle nach Sorten und Farben, damit wir später gezielt unterschiedliche Produkte herstellen können.
Von 100 Tonnen Rohwolle bleiben nach dem Waschen ungefähr 55 bis 60 Tonnen übrig. Schmutz, Heu, Stroh und überschüssiges Wollfett werden entfernt. Ein gewisser Fettanteil bleibt erhalten, weil er der Wolle Geschmeidigkeit und einen natürlichen Schutz verleiht.
Anschließend kommt die gewaschene Wolle zu uns zurück. Wir lagern etwa 120 Tonnen gewaschene Wolle, damit wir flexibel produzieren können. Allein der Weg durch Sortierung, Waschen und Rücktransport dauert ungefähr drei Monate.
Wie wird aus der gewaschenen Wolle ein fertiges Produkt?
Zuerst wird die stark gepresste Wolle aufgelockert. Je nach gewünschtem Produkt mischen wir anschließend unterschiedliche Wollsorten und Farben. Dann kommt die Wolle auf die Kardiermaschine. Sie richtet die Fasern parallel aus und erzeugt ein Vlies.
Dieses Vlies ist die Grundlage für viele unserer Produkte. Wir verwenden es beispielsweise für Bettwaren oder verarbeiten es weiter zu Garnen. Aus den Garnen entstehen unter anderem Strickwaren und Gewebe, aus denen wiederum Teppiche, Vorhänge oder Bezugsstoffe gefertigt werden.
Die Möglichkeiten, Naturmaterialien zu verarbeiten, sind sehr vielfältig. Wolle bringt außerdem Eigenschaften mit, die bei vielen Anwendungen von Vorteil sind: Sie ist temperaturausgleichend, atmungsaktiv und schwer entflammbar. Deshalb wird sie beispielsweise auch bei Sitzbezügen und Teppichböden in Flugzeugen eingesetzt.
Wie entwickelt ihr neue Produkte und verbindet Tradition mit neuen Kundenwünschen?
Unsere Grundprodukte stehen. Wir entwickeln aber laufend Varianten, beispielsweise neue Farben, Muster oder Designs. Viele Ideen entstehen durch den direkten Kontakt mit unseren Kunden. Sie fragen nach bestimmten Farben oder wünschen sich eine neue Ausführung. Wenn sich das mit vertretbarem Aufwand umsetzen lässt, probieren wir es aus.
Eine größere Neuentwicklung war unsere Heilwolle. Wir haben die Anwendungsmöglichkeiten erweitert und daraus ein Gewebe hergestellt. So lässt sich das Material beispielsweise zu Bandagen, Nierengurten oder Stilleinlagen zuschneiden.
Naturwolle braucht viel Aufklärungsarbeit. Viele Menschen kennen die Möglichkeiten nicht oder greifen zunächst zu gewohnten Produkten aus anderen Materialien. Deshalb sind unser Tag der offenen Tür und Veranstaltungen wie der Wollmarkt wichtig: Die Menschen sollen die Produkte kennenlernen und selbst erleben können.
Welche Rolle spielen eure Mitarbeiter für den Erfolg der Schafwollspinnerei?
Ohne unser Team wäre das alles nicht möglich. Bei unseren besonderen Produkten ist viel Handarbeit erforderlich. Maschinen können nicht jede Aufgabe übernehmen und erreichen auch nicht immer die Qualität, die wir uns wünschen.
Wolle ist ein Naturprodukt und nicht immer gleich. Ein Mensch erkennt beispielsweise bei der Bett- oder Teppichfertigung, wenn sich die Beschaffenheit des Materials verändert, und kann darauf reagieren. Eine Maschine macht dagegen immer das Gleiche.
Deshalb sind unsere Mitarbeiter ein entscheidender Bestandteil des Betriebs. Uns ist wichtig, dass das menschliche Miteinander stimmt und die Menschen gerne zur Arbeit kommen. Viele sind schon seit Jahrzehnten bei uns. Das sorgt für Erfahrung, Kontinuität und ein gutes Arbeitsklima.
Wir achten außerdem darauf, dass die Arbeit abwechslungsreich bleibt. Mitarbeiter können bei Bedarf auch in anderen Bereichen eingesetzt werden, wenn sie dafür vorbereitet sind. Das hilft uns, Ausfälle besser aufzufangen und die Aufgaben im Betrieb flexibel zu verteilen.
Welche Möglichkeiten haben junge Menschen, bei euch das Handwerk zu lernen?
Wir können junge Menschen aufnehmen, die handwerklich geschickt sind und gerne arbeiten. Wir bringen ihnen die Tätigkeiten Schritt für Schritt bei – von einfachen Aufgaben bis zu anspruchsvolleren Arbeiten.
Eine offizielle Berufsausbildung können wir allerdings nicht anbieten. Dafür fehlen inzwischen die entsprechenden Ausbildungsstrukturen, Schulen und Unterlagen. Durch den Rückgang der Textilbetriebe ist vieles verloren gegangen.
Wir versuchen deshalb auf andere Weise, das Wissen im Betrieb weiterzugeben und neue Mitarbeiter einzuarbeiten. Fertig ausgebildete Fachkräfte für unsere speziellen Tätigkeiten gibt es kaum. Wir sind es gewohnt, Menschen selbst anzulernen.
Wenn du auf die Geschichte seit 1947 zurückblickst: Worauf bist du besonders stolz?
Ich bin stolz darauf, dass aus einer Situation, in der meine Großeltern praktisch nichts hatten, ein Unternehmen entstanden ist, das über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist und heute mehr als 30 Mitarbeiter beschäftigt.
Das wäre ohne unsere Mitarbeiter nicht möglich gewesen. Gemeinsam haben wir den Betrieb aufgebaut und entwickeln ihn weiter. Ich glaube, meine Großeltern wären sehr stolz darauf, was aus ihrer ursprünglichen Idee geworden ist.
Was möchtest du der nächsten Generation mitgeben?
Ich möchte alles dafür tun, dass meine Kinder möglichst gute Voraussetzungen haben, falls sie später in den Betrieb einsteigen möchten. Sie sollen vernünftige Entscheidungen treffen und zusammenhalten.
Natürlich wird auch einmal etwas schiefgehen. Daraus muss man lernen. Wichtig ist, vernünftig zu bleiben und den Betrieb gemeinsam weiterzuentwickeln.
Ich hoffe, dass die Schafwollspinnerei auch in 20 oder 30 Jahren noch besteht und meine Kinder die Möglichkeit haben, sie weiterzuführen. Die Herausforderungen werden sicher andere sein als heute. Aber ich wünsche mir, dass sie ihren Weg finden und dieses besondere Unternehmen am Leben erhalten können.